Singen in pädagogischem Sinn
Prof. Kurt Suttner zum 75. Geburtstag
Herbst 1971. Sein zweiter Auslandseinsatz ist beendet. Drei Jahre lang hat er als Musikberater in Madagaskar gearbeitet, Musiklehrerbildung organisiert und aufgebaut, die Musik der Insel erforscht, Instrumente gesammelt, 300 Tondokumente aufgenommen. Für seine Verdienste ist er mit dem madegassischen Nationalorden geehrt worden. Nun kehrt der „Chevalier de l’Ordre National de Madagascar“ zurück nach München an seine alte Schule, an das musische Pestalozzi-Gymnasium. Nach einigen Tagen spricht ihn ein Schüler an: "Haben Sie am Donnerstag in der sechsten Stunde frei? Da wird im Musiksaal ein kleiner Chor auf Sie warten. Bitte kommen Sie und arbeiten Sie mit uns!" Die Chorbegeisterung führt zum Wunsch, auch außerhalb des Schulchors gemeinsam zu singen, und so wächst aus der Schar im Musiksaal ein erstrangiges Ensemble, ein Chor von internationaler Klasse, der seit 40 Jahren besteht. Die Rede ist, natürlich, vom via-nova-chor und von Kurt Suttner.
Zehn Jahre später. Der via-nova-Chor probt, wie an jedem Montagabend, in der Münchner Musikhochschule. Auf dem Probenplan stehen Chorsätze von Fritz Büchtger, selten aufgeführte Werke des Münchener Komponisten. Kurt Suttner ist in seinem Element, als Musiker wie auch als Chorerzieher. Mit ausgetüftelten chormethodischen Manövern umschifft er scharfkantige Klippen, mit wohltemperierter Geduld führt er die Sängerinnen und Sängern zur gemeinschaftlichen Interpretation. Es gilt ein ungeschriebenes und ehernes Gesetz: Urteile über das Stück sind erst dann erlaubt, wenn der Chor es gültig musizieren kann. Das Innere zum Ausdruck zu bringen, das im Werk gehüllte Humanum zu erschließen und in lebendigen Klang zu übersetzen, ist prägend für Suttners singpädagogische Intention. Und wenn sich auf dem zähem Weg zu fremder Klangsprache Stimmen und Stimmungen zu verlieren drohen, dann sorgt ein Energiestoß vom Pult für neue Frische.
Als Gründer und Leiter prägte Kurt Suttner diesen Chor über 35 Jahre lang. Seiner Neugier nach Unerhörtem, seinem ansteckenden künstlerischen Ehrgeiz, seiner beharrlichen, unermüdlichen Arbeit ist es zu verdanken, dass der via-nova-chor München rasch zur ersten Adresse für zeitgenössische Chormusik avancierte. Über 30 Uraufführungen kamen unter seiner Ägide über die Bühne, darunter Werke von Günter Bialas, Fritz Schieri, Jan Koetsier; Erna Woll, Wilhelm Killmayer, Peter Michael Hamel, Max Beckschäfer, Harald Feller oder Moritz Eggert - die Reihe liest sich wie ein who-is-who zeitgenössischer Komponisten bayerischer Provenienz. Viel beachtete Konzerte und Rundfunkproduktionen im In - und Ausland dokumentieren die künstlerische Arbeit ebenso wie Einspielungen auf Tonträgern. Tours, Den Haag, Cork, Budapest, Tolosa, Valetta, Deutscher Chorwettbewerb: Preise bei allen maßgeblichen Chorkonkurrenzen zeigen eindrucksvoll, in welchem nationalen und internationalen Ansehen Kurt Suttner stand und steht.
Ob Nachwuchsförderung mit professioneller Zielrichtung, ob musikalische Breitenarbeit im Laienchorwesen: Suttners Engagement fruchtete auf unterschiedlichen Ebenen. So übernahm er 1988 die Leitung der Bayerischen Singakademie; ein Programm zur sängerischen Ausbildung von Jugendlichen. Er leitete seit 1987 einen Meisterkurs „Chorsingen“ im Rahmen des Schwäbischen Kunstsommers Irsee, engagierte sich in Verbänden, wirkte als Juror bei Wettbewerben und leitete rund um den Globus zahllose Fortbildungsveranstaltungen. Sein Wirken wurde auch hierzulande mit hochrangigen Ehrungen gewürdigt, etwa mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der BRD (1997), dem Bayerischen Verdienstorden (2007) und mit der Medaille „München leuchtet“ (2006).
Kurt Suttners Arbeit legte prägende Spuren in die bayerische Schulmusik. Zeitweise wirkte er als Dozent für Chorleitung an der Münchner Musikhochschule, 25 Jahre lang war er als Hochschullehrer und Honorarprofessor am Lehrstuhl für Musikpädagogik der Universität Augsburg tätig. Generationen angehender Grund-, Haupt- und Realschullehrer profitierten von seiner Kompetenz. An der Augsburger Universität standen, wie könnte es anders sein, mehrere Chöre unter seiner Leitung, darunter ein vorzüglicher Kammerchor, der bei Wettbewerben in Valetta und Spittal Preise erzielte. Es dürfte vermutlich kein Gymnasium in Bayern geben, in dem das 1976 vom vbs herausgegebene Liederbuch „Lied und Song“ fehlt: Kurt Suttner war als stellvertretender Vorsitzender des Verbands bei Erstellung und Herausgabe maßgeblich beteiligt. Standards setzte „Chor aktuell“, ein Chorbuch, das, wie das Vorwort mitteilt, auf eine Initiative des vbs- Ehrenvorsitzenden Heinz Benker zurückgeht. Suttner brachte es zusammen mit Max Frey und Bernd-Georg Mettke 1983 heraus. Das Chorwerk hat sich zum europaweiten Bestseller entwickelt, bisher liegen sechs Teilbände und mehrere Beihefte vor. Aus sicherer Quelle verlautet, dass es dieses Werk ohne Kurt Suttners Ehefrau Traudl – einer vorzüglichen Sängerin - nicht gegeben hätte: Sie unterstützte die Arbeit der Herausgeber mit herausragenden Kuchen, die jedem Konditorenblick standhalten konnten…
Von Herzen gratuliert der vbs Kurt Suttner zum runden Geburtstag. Gesundheit, Glück und Segen mögen ihm Begleiter sein, allzeit und auf allen Wegen.
Bernhard Hofmann
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